Freitag, 15 Mai 2015 11:29

Birgit Spielvogel: Digitalbedruckte Möbelstoffe - Was versprechen die neuen Pigmenttinten und was ist neu im Bereich digitalbedruckte Möbelstoffe?

Die textiltechnischen Herausforderungen für einen Digitaldruck auf Textil für den Objektbereich (z.B. im Büro, Hotel oder im Gesundheitsbereich) sind extrem hoch. Für eine Anwendung im privaten Wohnbereich liegen die Scheuerwerte üblicherweise bei 10.000-25.000 (Martindale), im Objektbereich sollten es mindestens 50.000 Scheuertouren sein. Neben der Lichtechtheit sind die Scheuerwerte die wichtigsten Testwerte die es zu bestehenden gibt.

Spielvogel 1Das ist sicherlich einer der Gründe, warum man hierzulande immer noch so wenig digitalbedruckte Möbelstoffe im Markt sieht. Die Fachbranche der Inneneinrichtung verlangt bestimmte Kriterien für den permanenten, d.h. langfristigen Einsatz von Möbelstoffen. Werbeagenturen, Messeausteller oder Standardanbieter dagegen, die die Textilien nur für einen kurzfristigen und weniger hochwertigen Einsatz verwenden, sehen hierin keinerlei Hindernisse – Testresultate werden kaum angefragt bzw. erbracht und werden eher als Handelshemmnis gesehen. Unabhängige Fachleute, wie Jan Baden von „druckprozess“, sehen es kritisch, dass neue Pigmenttinten eine bessere Haftung aufweisen und die geforderten Testwerte erbringen können. Generell werden beim Pigmentdruck die Farbpigmente bei der Oberflächennutzung abgerieben, da diese nur oben aufliegen. Anders sieht das bei Dispersions- oder Sublimationstinten aus. Durch einen thermischen Prozess dringt die Farbe in das Substrat ein, verschmilzt sozusagen damit, und kann nur bei Zerstörung der Textilfaser wieder herausgelöst werden. Um die Lichtechtheit zu verbessern, können einerseits spezielle Farbstoffe verwendet werden, andererseits lassen sich durch chemische Vor- bzw. Nachbehandlungen die entsprechenden Echtheiten erreichen. Hoch beanspruchte Objekttextilien wie z.B. für Bürostühle, Autotextilien, Hotellobbysofas, Wartezimmerstühle o.ä. sollten einen Scheuerwert von 35.000 bis 100.000 Scheuertouren aufweisen, was allein schon an sich für das Textil eine hohe Herausforderung ist und bestimmte Voraussetzungen erfordert: Polyestermaterialien oder Wolle – statt Baumwolle – mit festen und kurzbindigen Webbindungen sind am besten geeignet, zudem sollte das Textil entsprechend vor- oder nachbehandelt (veredelt) werden. Der Direktdruck mit großmolekularen Dispersionstinten erhöht die Licht- bzw. Farbechtheit. Gerade für Möbelstücke, die am Fenster stehen oder gar im Außenbereich, ist das sehr wichtig. Die Farben verblassen ansonstenn vor allem an den vorderen und obersten Stellen nach einiger Zeit. Die Lichtechtheitswerte sollten nach EN ISO 105-B02 bei einer Echtheitsnote von mindestens 6-7 liegen, je höher desto besser.

Der finanzielle Aufwand, um solche textiltechnischen Tests durchzuführen, ist eine lohnende Investition und deshalb sicherlich nicht nur für etablierte Möbelstoffanbieter mit entsprechender Zielgruppe rentabel. Verschiedene internationale Textilinstitute bieten solche zertifizierten Tests an. Zertifizierungen und Testwerte können sogar ein Wettbewerbsvorteil sein, mit dem mancher Digitaldruck-Dienstleister einen neuen Markt gewinnen könnte, z.B. den Objektbereich und die fachlich gut informierte Raumausstattungsbranche. Derzeit laufen auch verschiedene Entwicklungen und Tests auf Leder, Kunstleder und Microsuede, Produkte die ebenfalls sehr gerne als Polsterstoffe für Möbel verwendet werden. Direktdruck auf echtem Leder scheint hierbei der Vorreiter zu werden; mit Nachbehandlung kann digitalbedrucktes Leder bis zu 50.000 Scheuertouren erreichen. Lederimitate sind aufgrund ihrer textilchemischen Zusammensetzung und Vorbehandlung von vornherein generell komplexer und erhalten geringere Testwerte. Es wird sich zeigen, wie sich der Markt in Bezug auf Polsterstoffe und Digitaldruck weiter entwickelt. Gelingt es einzelnen Digitaldruckdienstleistern und Möbelmanufakturen mit kleinen Stückzahlen, kurzen Lieferzeiten und hochwertiger Qualität die wachsende Nachfrage nach individuellen Designprodukten zu erobern, dann könnte das viel Bewegung ins Marktgefüge bringen. Zudem wäre es zu wünschen, dass die Möbel- und Stoffherstellung wieder zurück nach Europa geholt wird, was mit dem Digitaldruck, vorhandener Technik und kurzen Transportwegen durchaus von Vorteil wäre.

Als Designerin verfolgt Birgit Spielvogel die allgemeine Designentwicklung von Möbelstoffen im Deutschen bzw. Europäischen Markt über die Jahre hinweg. Auffallend ist tatsächlich, dass man allgemein so gut wie keine großflächig gemusterten Sofa- oder Stuhlbezüge entdecken kann. Üblicherweise sind mehrfarbige Musterungen, gewebte Textilien oder als Kissenüberzüge zu finden. Kissen können auch mit einem dünneren Dekorationsstoff bezogen werden, der erheblich weniger abgenutzt wird. Selbst im konventionellen Druck bedruckte Polsterstoffe konnten nach 2005 nicht mehr den Markt erobern, da allgemein die Designrichtung zu mehr „Unistoffe“ ging (bzw. kleingemustert). Sicherlich hat die Entwicklung im asiatischen Markt in den letzten Jahrzehnten dazu ebenfalls beigetragen, seitdem komplett gefertigte Polstermöbel aus Asien kommen und sehr viele Möbelhersteller in höheren Stückzahlen fertigen lassen.

Der konventionelle Druck, als auch den Digitaldruck, begleitete Birgit Spielvogel schon seit den frühen 90‘er Jahren. In den Jahren 2003 bis 2007 hat sie zudem sich intensiv mit bedruckten Möbelstoffen beschäftigt. Birgit Spielvogel ist ausgebildete Diplom-Designerin (FH) und leitet das Design-Studio trend-trade in der Nähe von Papenburg

Mehr Information: http://www.trend-trade.com